Disentis/Mustér
Seine Blütezeit hat Disentis/Mustér - kurioserweise entstammt auch der vermeintlich deutsche Name Disentis dem Romanischen - schon seit einem halben Jahrtausend hinter sich, und trotzdem ist es noch der bei weitem bedeutendste Ort der oberen Surselva. Zwei Faktoren haben ihm diesen Rang verliehen: das Kloster und der Passverkehr.
Die Wurzeln der Siedlung reichen ins 8. Jh. zurück, als sich zunächst die Wandermönche Sigisbert und Placidus in der Region niederliessen und bald darauf schon ein erstes Kloster gegründet wurde. Unaufhaltsam vollzog sich dessen Aufstieg. Der Einflussbereich des Klosters - der noch immer gebräuchliche Begriff "Cadi" leitet sich von Casa Dei (Gotteshaus) ab - umfasste schliesslich die gesamte obere Surselva bis fast nach Ilanz sowie das Urserntal, also den Süden des heutigen Kantons Uri, zwischen Furka-, Gotthard- und Oberalppass. Die Äbte von Disentis übernahmen als Feudalherren die führende Rolle bei der Gründung des Grauen Bundes und betrieben auch dessen Anlehnung an die Eidgenossenschaft. Reformation, Bündner Wirren und der Einfall der Franzosen 1799 markierten dann den schrittweisen Niedergang. Heute dominieren die Gebäude des Klosters zwar immer noch deutlich den Ort, doch es stellt weniger ein politisches als ein Zentrum von Bildung und Kultur dar.
Schon im Mittelalter spielte Disentis, aufgrund seiner Lage im Schnittpunkt von Lukmanier- und Oberalppass, eine Rolle als Verkehrsknotenpunkt. Während ersterer schon Anfang des 19. Jh. in völliger Bedeutungslosigkeit versank und heute allenfalls als Ausflugsstrecke von Ineresse ist, erlebte letzterer durch den Strassenausbau 1862/63 einen neuen Aufschwung und stellt seit der Eröffnung des Furkabasistunnels 1982 die einzige winterfeste Verbindung zwischen Rhein- und Rhonetal dar. Von grösserer wirtschaftlicher Bedeutung für den Ort ist allerdings, dass sich hier seit 1926 die Schnittstelle zwischen dem Netz der Rhätischen Bahn und dem der Furka-Oberalp-Bahn befindet, wo die Loks umgekoppelt werden.
Die wichtigste Sehenswürdigkeit von Disentis ist natürlich das Benediktinerkloster, das seine heutige Gestalt im Wesentlichen dem 17. Jh. verdankt. Die 1712 geweihte Klosterkirche ist nicht nur das grösste, sondern auch das bedeutendste barocke Gotteshaus des Kantons. Nachdem die alten Gebäude in den Bündner Wirren eingeäschert worden waren, entstand ein Bau, den trotz aller Pracht eine gewisse Strenge kennzeichnet - was besonders die klare Linienführung der Fassade verdeutlicht. Das Innere ist nach dem Vorarlberger Münsterschema aufgebaut, so dass die Seitenschiffe fast die gleiche Höhe wie das Hauptschiff erreichen. Auffällig sind, neben den üppigen Stukkaturen und den neun reich vergoldeten Altären, besonders die vier riesigen pathetisch-historisierenden Deckengemälde, die Fritz Kunz 1924/25 schuf. Der lichte Gesamteindruck der Kirche basiert teilweise darauf, dass sie entlang einer Nord-Süd-Achse ausgerichtet ist, wodurch die Fenser beider Seitenschiffe direktes Sonnenlicht erhalten.
Das Kloster in dem heute noch etwa 40 Brüder leben, beherbergt neben der Klosterschule und dem Internat, die einen grossen Teil der Räumlichkeiten einnehmen, auch ein sehenswertes Klostermuseum. Ein grosser Bereich der kulturhistorischen Ausstellung ist der Geschichte der Abtei gewidmet, des weiteren enthält die Sammlung u.a. liturgisches Gerät, einige sehr schöne gotische Heiligenfiguren, koptische Stoffe und Pilgermitbringsel. Weit weniger würde man in dieser Umgebung den zweiten Teil der Ausstellung erwarten: In der naturgeschichtlichen Sammlung werden sehr anschauliche Geografie und Geologie, Flora und Fauna sowie die verschiedenen Ökosysteme der Cadi vorgestellt. Besonders interessant ist die kleine Kristallsammlung, die einige schöne Fundstücke umfasst. Aber auch die Entstehung der Mineralien und Gesteine wird leicht verständlich erklärt (Tel. 081 929 69 00; Juni-Okt. Di, Do, Sa 14-17 Uhr, Weihnachten-Ostern Mi 14-17 Uhr)
Weniger spektakulär als das Klostermuseum, aber ebenfalls einen Besuch wert ist die direkt am Vorderrhein gelegene Wollkarderei de Sax. In dem ladesweit ältesten Betrieb seiner Art wurde seit 1890 die Wolle maschinell gekämmt und für das Spinnen vorbereitet. (Tel. 081 947 52 10 u. 081 947 54 23, Juli-Mitte Okt. Do 17-18 Uhr).

